Schmerz und Autismus – Wenn der Körper schweigt

von Alexander Clahes (2025)


 

Für viele autistische Menschen ist der Besuch in einer Arztpraxis eine Herausforderung. Nicht nur wegen der oft reizintensiven Umgebung oder der sozialen Interaktionen, sondern auch – und vor allem – wegen der Art, wie ihr Körper Schmerz wahrnimmt und ausdrückt. Dieses Thema wird im medizinischen Alltag noch viel zu wenig erkannt. Dabei kann es im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. 


Autistische Schmerzverarbeitung: Alles andere als typisch

Autismus beeinflusst nicht nur Kommunikation, Wahrnehmung und Verhalten – sondern auch, wie körperliche Empfindungen erlebt und mitgeteilt werden. Viele Betroffene berichten davon, Schmerzen anders oder gar nicht wahrzunehmen – oder sie nicht in Worte fassen zu können.

Statt „Ich habe starke Bauchschmerzen“ hört man vielleicht: „Irgendwas fühlt sich komisch an.“ Oder gar nichts – weil das Empfinden selbst diffus ist oder die Frage zu unklar formuliert wurde. Manchmal wird starker Schmerz sogar als „unangenehm“ beschrieben – während ein leises Brummen im Wartezimmer als „nicht auszuhalten“ erlebt wird.


Wenn Körpersprache täuscht

Viele medizinische Einschätzungen beruhen auf Beobachtung: Mimik, Gestik, Körperspannung. Doch genau hier lauert eine große Falle: Autistische Menschen zeigen oft keine typische Schmerzreaktion. Kein Stöhnen, keine verzerrte Mimik, kein Winden. Stattdessen: scheinbare Ruhe, sachliches Auftreten oder Rückzug.

Das führt dazu, dass Beschwerden als „nicht schlimm“ eingestuft – oder schlimmer – übersehen oder psychologisiert werden. Die Aussage „Ich sehe Ihnen nichts an“ kann in diesem Fall fatale Folgen haben.

Sprachbarrieren, die nicht nach Sprache aussehen

„Haben Sie Schmerzen?“ – eine einfache Frage, die viel zu oft ins Leere läuft. Warum? Weil sie entweder zu vage ist oder eine Ja/Nein-Antwort erzwingt, die der inneren Wahrnehmung nicht gerecht wird. Viele Autist*innen verstehen solche Fragen wörtlich – und antworten entsprechend eingeschränkt. Oder sie versuchen, „normal“ zu antworten, und werden dabei missverstanden.

Die Folgen: Von Fehldiagnose bis Lebensgefahr

Diese Missverständnisse führen nicht selten zu:

  • verspäteter Diagnostik bei Blinddarmentzündung, Infektionen, Herzproblemen
  • chronischem Schmerz, weil niemand nachfragt oder glaubt
  • Fehleinschätzungen, z. B. „psychisch bedingt“ oder „nicht kooperativ“
  • falscher Medikation oder unnötiger psychiatrischer Einweisung


Besonders gefährdet: nichtsprechende Autist*innen, Frauen und Menschen, die gut „maskieren“ – also angepasst wirken, obwohl sie leiden.


Was sich ändern muss – und wie

Einfühlsame, neurodiversitätssensible Medizin kann Leben retten. 

  • Nicht nur auf Mimik und Tonfall achten, sondern fragen: „Was fühlt sich heute anders an als sonst?“
  • Schmerztagebuch, Emoji-Skalen oder visuelle Hilfen anbieten
  • Angehörige einbeziehen – sie kennen nonverbale Signale oft besser
  • Reizreduktion im Wartezimmer und bei der Untersuchung
  • Akzeptieren: Ein neutraler Gesichtsausdruck heißt nicht: Es ist nichts


Fazit: Zuhören, Nachfragen, Verstehen

Autistische Menschen erleben die Welt anders – das gilt auch für ihren Körper. Medizin darf sich nicht auf Stereotype verlassen, sondern muss offen, fragend und flexibel sein. Die Fähigkeit, Schmerz zu zeigen, ist keine Voraussetzung dafür, Hilfe zu verdienen.